Interkulturelle Kompetenz im Bewachungsgewerbe
Interkulturelle Kompetenz ist im Bewachungsgewerbe von zentraler Bedeutung, da Sicherheitsmitarbeiter häufig mit Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen interagieren. Diese Kompetenz umfasst die Fähigkeit, kulturelle Unterschiede in Verhalten, Kommunikation und Normen reflektiert und vorurteilsfrei wahrzunehmen, um professionell und angemessen zu handeln. Es geht darum, kulturelle Unterschiede zu erkennen, ohne daraus pauschale Urteile über einzelne Personen abzuleiten. Stereotypisierung, also die Annahme, dass alle Mitglieder einer Gruppe gleich sind, verkennt individuelle Unterschiede und birgt das Risiko von Fehlentscheidungen und Diskriminierung. Professionelles Handeln im Sicherheitsdienst sollte sich daher auf das konkrete Verhalten einer Person konzentrieren, nicht auf vermutete Gruppenzugehörigkeiten.
Kulturelle Unterschiede in der Kommunikation
Ein Beispiel für kulturelle Unterschiede in der Kommunikation ist der Umgang mit Blickkontakt. In manchen Kulturen gilt direkter Blickkontakt als Zeichen von Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit, während er in anderen Kulturen als respektlos oder aggressiv, insbesondere gegenüber Autoritätspersonen, wahrgenommen werden kann. Ein weiteres Beispiel sind die proxemischen Normen, also die bevorzugten Gesprächsdistanzen, die kulturell variieren. Das Wissen um diese Unterschiede hilft, Verhalten nicht vorschnell als aufdringlich oder unhöflich zu interpretieren.
Es ist wichtig, zwischen kultureller Sensibilität und dem Aufgeben eigener beruflicher Standards zu unterscheiden. Gleichbehandlung bei der Anwendung von Regeln und eine kultursensible Kommunikationsweise widersprechen sich nicht. Im Gegenteil, konsequente Gleichbehandlung ist ein Grundpfeiler diskriminierungsfreien Handelns. Eine professionelle interkulturelle Kompetenz zeigt sich in der Grundhaltung von Neugier statt Vorurteil und der Bereitschaft, respektvoll nachzufragen, wenn kulturelle Praktiken unbekannt sind.
Vermeidung von Stereotypisierung und Förderung der Selbstreflexion
Kulturelle Zuschreibung oder Stereotypisierung, wie das 'Racial/Ethnic Profiling', führt zu sachlich falschen Einschätzungen und ist mit dem Diskriminierungsverbot nicht vereinbar. Daher spielt Selbstreflexion eine entscheidende Rolle für interkulturelle Kompetenz. Das Bewusstwerden eigener, oft unbewusster Vorurteile ist ein zentraler erster Schritt, um objektiveres und faireres Verhalten im Berufsalltag zu fördern. Religiös motivierte Kleidung, wie Kopftuch, Kippa oder Turban, sollte bei Sicherheitskontrollen nicht anders behandelt werden als andere Kleidungsstücke. Kontrollmaßnahmen müssen sich an sachlichen Sicherheitskriterien orientieren, die gleichermaßen für alle Personen gelten.
Interkulturelle Kompetenz und Sicherheitsstandards
Interkulturelle Kompetenz und Sicherheitsstandards lassen sich vereinbaren. Konsequente Gleichbehandlung bei der Kontrolle und ein sensibler, respektvoller Umgangston entsprechen professionellem Handeln. Wenn ein Sicherheitsmitarbeiter bemerkt, dass er bei bestimmten Personengruppen unbewusst häufiger und intensiver kontrolliert, ist es wichtig, diese unbewussten Verzerrungen durch bewusste Selbstüberprüfung zu korrigieren. Ambiguitätstoleranz, also die Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit und Unsicherheit, erlaubt es, mit ungewohnten oder unklaren interkulturellen Situationen gelassen umzugehen, statt reflexhaft und vorschnell zu urteilen.
Kommunikation bei Sprachbarrieren
Sprachbarrieren sind im Bewachungsgewerbe häufig eine Herausforderung. Eine effektive Kommunikationsstrategie bei erkennbaren Sprachbarrieren umfasst die Verwendung einfacher Sprache, unterstützender Gestik und aktives Nachfragen zur Verständnissicherung. Der Einsatz von Piktogrammen, Hinweisschildern in mehreren Sprachen oder Übersetzungs-Apps kann in Objekten mit internationalem Publikum sinnvoll sein, um die Kommunikationsbarriere zu senken und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Regeln verstanden und eingehalten werden. Bei rechtlich bedeutsamen Sachverhalten ist jedoch eine verlässliche Verständigung durch qualifizierte Sprachmittler erforderlich.
Geduld ist eine zentrale Kompetenz im Umgang mit Sprachbarrieren, insbesondere in Stresssituationen. Zeitdruck und Ungeduld erhöhen den Stress bei der betroffenen Person und erschweren die ohnehin schon eingeschränkte Verständigung zusätzlich. Der Einbezug mehrsprachiger Kollegen kann die Verständigung erheblich verbessern, sollte aber situationsangemessen und möglichst mit Einverständnis der betroffenen Person erfolgen.
Besondere Schutzbedürftigkeit in Geflüchtetenunterkünften
In Geflüchtetenunterkünften ist besondere Rücksichtnahme erforderlich, da viele Bewohnerinnen und Bewohner belastende Erfahrungen gemacht haben. Ein ruhiger, deeskalierender Umgangston ist wichtig, um unbeabsichtigte Erinnerungen an belastende Erfahrungen zu vermeiden. Sicherheitspersonal hat die Aufgabe, besonders schutzbedürftige Gruppen, wie alleinstehende Frauen oder unbegleitete Minderjährige, zu schützen. Dabei bleibt die fachliche Betreuung Aufgabe der Sozialarbeit, während das Sicherheitspersonal absichert und meldet.
Bei der Kontrolle und Ansprache von Bewohnern ist die Achtung der Privatsphäre und Würde essenziell. Auch bei notwendigen Sicherheitsmaßnahmen bleibt die Menschenwürde, wie sie in Artikel 1 des Grundgesetzes verankert ist, unangetastet. Konflikte zwischen Bewohnern unterschiedlicher Herkunft sollten besonders sorgfältig und neutral behandelt werden, um Vertrauen zu erhalten und eine Verhärtung von Konflikten entlang gruppenspezifischer Linien zu vermeiden.
Das Wichtigste in Kürze
- Interkulturelle Kompetenz bedeutet, kulturelle Unterschiede reflektiert und vorurteilsfrei wahrzunehmen.
- Stereotypisierung führt zu Fehlentscheidungen und ist diskriminierend.
- Kulturelle Unterschiede in Kommunikation und Proxemik sollten bekannt sein, um Missverständnisse zu vermeiden.
- Gleichbehandlung und kultursensible Kommunikation schließen sich nicht aus.
- Selbstreflexion hilft, unbewusste Vorurteile zu erkennen und zu korrigieren.
- Sprachbarrieren erfordern Geduld, einfache Sprache und visuelle Hilfsmittel.
- In Geflüchtetenunterkünften ist ein traumasensibler Umgang besonders wichtig.
- Die Menschenwürde muss auch bei Sicherheitsmaßnahmen stets geachtet werden.